Kolumne - Wege durch das Paradies   

EIN BRIEF FÜR DICH, MEIN TREUES FIDELCHEN


Sie wissen ja, ich portraitiere Tiere.  Heute schreibe ich ein Portrait. Ich kann es nicht malen oder zeichnen, denn dieses Portrait beschreibt mein geliebtes Fidelchen. Ich kann mir auch nicht all die Videos ansehen, die ich aufgenommen habe von meinem Katzenmäderle. Sie blieb mein Mäderle, fast 22 Jahre lang. Ich glaube an Seelenwanderung, Seelenverwandtschaft. Das Fell macht da keinen Unterschied. Wir suchen uns unsere Seelenverwandten nicht aus. Häufig werden sie einfach so nebenbei in unser Leben gespült. So wars auch bei Dir, mein liebes Fidelchen. Als ich dich zum ersten Mal bewusst wahrnahm in diesem Katzenkinderrudel bei meiner Schwiegermutter in Frankreich, hingst Du an der Milchzitze deiner Mutter und das im vollen Lauf durch den Garten. Ich glaube, da hab ich mich in dich freches kleines Ding verliebt. Und so kamst Du mit nach Franken. Die beiden schwarzen Katzenteenies, auch Französinnen, starben vor Angst, als Du mit rundem Rücken im Sidestep die Monsterkatze simuliert hast. So hatten wir drei Katzen und einen Hund.  Wohlgemerkt, das war nicht mein Lebensplan, aber es war mein Glück. Heute musste ich dich gehen lassen nach dem schweren Schlaganfall am Morgen. Ich stehe noch neben mir. Ja, Du warst fast 22 Jahre alt, aber ist es nicht immer zu früh? Mit Anfang 30 war ich schon ganz kurz auf der anderen Seite. Ich werde diesen Traum nie vergessen. Sie haben mich zurück geholt. Das tat verdammt weh. Ich habe mich so gefürchtet vor diesem Moment, als Dir über die Brücke hinüber geholfen wurde. Danke, mein wunderschönes Katzenomilein, dass ich deine Seele fühlen durfte. Du warst immer da. Bei der schweren Influenza und bei der extremen Coronainfektion lagst Du an meiner Seite. Du hast dich verliebt wie ich. Deiner hatte vier Pfoten, meiner zwei große Füße. Der mit den vier Pfoten aus Stöppach war immer oben am Häusle, wenn seine Angebetete mit uns dort huldvoll weilte. Den mit den zwei großen Füßen hast Du mir ausgespannt. Er und ich haben heute bitterlich geweint, ich seit heut Nacht durchgehend, mein Mann Günter seit heut Mittag, nachdem die Erstarrung durch den Schock von ihm abgefallen war. Wir konnten Dir beide nie widerstehen. Es war nicht leicht, das Essen zu schnippeln, Daten am Rechner zu erfassen, mit Dir auf dem Schoß. Aber es war schön. Ja, Fidelchen, wir lieben Dich inniglich, für immer, denn Du warst unser letzten Kind, und zwar das mit Fell. 


Viele von Euch, die Ihr diesen Brief gerade lest, wissen nur zu gut, wie wir uns fühlen. Oh Anna, liebe Anna, Du hast es in so wundervolle Worte gefasst. Ja, es stimmt, es fühlt sich wirklich so an wie ein Geburtsvorgang rückwärts. Genau so! Ich habe schon sehr jung meinen geliebten Vater verloren. Und auch der Tod meiner lieben Freundin Lore in der Mitte meines Lebens riss mir das Herz entzwei. Ich habe all meine Tiere in den Tod begleitet. Nein, dieser Schmerz, die Trauer, kennt keine Scala. Ich fürchte mich vor dem Aufwachen morgen früh mit dem diffusen Gefühl, dass etwas anders ist, und der schmerzvollen Erinnerung an dieses Etwas, dieses Andere kurz nach dem vollständigen Erwachen. Ich wusste, dass Du gehen würdest, mein Herzerle. Mit dem Hirn! Mein Herz weigert sich immer wieder, das Unveränderliche zu akzeptieren.


Ich höre noch immer deine Pfötchen auf dem Laminatboden leise tippeln. Ich vermisse dich so. Mit deinem Tod wurde etwas in mir geboren. Es ist immer so nach einem schweren Abschied. Wir taumeln in dieser Wolke aus Fragen und suchen uns. Solange wir fähig sind, Menschen wie Tiere, so bedingungslos zu lieben, ist diese Welt nicht verloren.


Es ist unbedeutend, ob wir ein Fell haben oder keins, welche Farbe unsere Haut hat, wie alt oder wie jung wir sind, wen wir begehren.


Wenn ich so bedingungslos leide wie heute, weiß ich das.


Danke mein liebes Fidelchen, dass Du unser Leben bereichert hast.


Susanne und Günter Resnikschek