Kolumne - Wege durch das Paradies   

FÜR IMMER UND EWIG

 

Heute vor zwei Wochen starb unser liebes Fidelchen. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Immer wieder fällt mein Blick auf Gegenstände, Pflanzen, Orte, die in Verbindung mit unserer Katzenoma standen. Manche Dinge haben wir in den Keller geräumt, andere gehören zum Wohnungsinventar und werden für immer ihren Geist in meine Gedanken holen. Merkwürdigerweise sind es die vielen Taschenbücher und gebundenen Romane, die in enger Verbindung zu meiner 2012 verstorbenen Mutter stehen. Diese Bücher werden wohl auch ewig in meinem großen Buchregal verbleiben. Geht es mir besser? Irgendwie schon. Ich bin wieder in der Lage, Ordnung zu schaffen, wichtige Tätigkeiten zu verrichten. Man kann das Glück von sich fernhalten, was man wohl auch unbewusst tut in Trauerphasen. Doch ebenso kann man in der intensiven Lebensfreude nach solchen Phasen das Glück anziehen. Diese Erfahrung durfte ich bereits leider und gottseidank mehrmals machen. 


Nach dem Tod meines Vaters vor über 50 Jahren war ich so unendlich erschöpft von den schrecklichen Geschehnissen bis zu seiner Erlösung, dass ich ernsthaft suizidgefährdet war. Ich wollte meinen Aufgaben als Studentin gerecht werden, aber ich versank in Tränen im Hörsaal. Dann gab ich irgendwann auf und stellte mich meiner Trauer. Ich holte jede gemeinsam verbrachte Stunde in mein Gedankenkarussell. Ich wollte ihn wiederhaben, so verzweifelt wiederhaben. Bevor ich an einem Weihnachtsabend von seiner Krebserkrankung erfuhr durch meine Mutter, hatte mich eines Tages im Studentenwohnheim auf dem Weg zu einem Telefonat mit ihm eine eiskalte Vorahnung überfallen. Noch bevor ich den Hörer entgegennahm, wusste ich, dass er sterben würde. Und alles, was danach kam, bestätigte dieses Gefühl. Nach seinem Tod taumelte ich haltlos durch das Leben und wieder kam es zu einer Verbindung unserer Seelen in Form eines extrem surrealen Traumes. Wir hatten beide altertümliche Nachthemden an und er kam auf mich zu auf einem weitläufigen Morastfeld. Ich konnte es nicht fassen, wollte ihm entgegenrennen, kam aber nur sehr langsam in dem zähen Untergrund vorwärts, ganz im Gegenteil zu Papas Leichtfüßigkeit, die mehr einem Schweben ähnelte. Er nahm meine Hände, sah mich liebevoll an und sprach mit mir in meinem Kopf. "Kind, Du musst mich gehen lassen. Lass mich gehen! Du kannst nicht mit mir kommen." Mit diesen Worten entzog er mir seine schönen warmen Hände und entfernte sich von mir immer schneller. Ich versuchte verzweifelt ihm zu folgen, aber der Morast hielt mich schmatzend gefangen. Dann wachte ich mit tränennassem Gesicht auf und wusste, dass ich ab dieser Nacht auf der einen Seite des Flusses leben musste und wollte, während mein Vater auf der anderen Flussseite auf mich warten würde.


Nach und nach spürte ich wieder die Sonne auf meinem Gesicht. Ein halbes Jahr später traf ich meinen ersten Lebenspartner und späteren Ehemann. Ich verliebte mich wie noch nie in meinem jungen Leben. Auch er hatte seinen Vater zur fast gleichen Zeit wie ich verloren. So dunkel die Zeit vor dieser Begegnung war, so hell war sie ab diesem Zeitpunkt und aus dem hilfsbedürftigen Nestküken wurde ein starker Zugvogel. Damals begann ein Leben voller Abenteuer, eine wunderbare Lebensphase. Diese merkwürdige gegensätzliche Konstellation von Trauer und Lebensfreude wiederholte sich immer anders, aber immer wieder.


Das Glück findet uns, wenn wir unser Schneckenhaus verlassen. Denn wir strahlen eine anziehende Energie und pure Lebensfreude aus. Das ist die ewige Magie des Lebens. Wir werden geboren, wir sterben und zwischen diesen Phasen häuten wir uns regelmäßig.  


Denkt daran, wenn Eure Herzen sich schwer anfühlen.


Eure Susanne Resnikschek

 


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