Kolumne - Wege durch das Paradies
GLÜCK & UNGLÜCK FAHREN AUF DER STANDSPUR STETS MIT
Es wird Zeit, meine Gedanken und Gefühle wieder mit Euch zu teilen. Aus der Standspur neben unserer Lebensautobahn fädeln sich stets erfreuende und traurig machende Ereignisse ein. Nicht immer hadern wir mit dem eigenen Schicksal. Auch das lieber Menschen aus unserem nahen Umfeld geht uns nah und zieht aus der Erinnerung jene Geschehnisse an die Oberfläche, die einst uns selbst betrafen. Gestern erreichte mich eine sehr gute und eine sehr schlimme Nachricht. Eine liebe Freundin überbrachte uns die gute Nachricht. Keine Metastasen. Das ist ein großes Glück, dass ich mit mehreren Freunden und Familienmitgliedern teilen darf und jetzt auch sie. Und entsprechend froh war ich gestern Abend, als die ersehnte Entwarnung kam. Das macht die Behandlung deutlich leichter. Aber da war noch diese so schlimme Nachricht, die aus meinem familiären Umfeld kam. Der 23jährer Neffe meiner Verwandten und langjährigen Freundin ist vorletzte Woche mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von der Kirchweih tödlich verunglückt, nachts auf einem Feldweg. Er starb an seinen sehr schweren Kopfverletzungen, wurde erst am nächsten Morgen tot aufgefunden von Wanderern. Absolut entsetzlich. Er hatte keinen Helm auf, ist vermutlich einem Tier ausgewichen.
Da ich selbst 2016 an einem sehr kalten Novemberabend beim Walken mich zuerst verlief, dann idiotischerweise über einen im gefrorenen Zustand umgegrabenen Acker abkürzen wollte, um mich nicht wieder in dem verdammten Wald zu verhauen, und dabei verunglückte. Ich hatte eine tiefe Fahrrinne übersehen, war urplötzlich nach hinten gestürzt und war dabei mit dem Hinterkopf auf einem scharfkantigen großen Kalkstein aufschlagen. Ich hab im Schockzustand versucht, direkt aufzustehen, war noch sehr schwindlig und bin nochmal auf dem buckligen Untergrund gestürzt, diesmal erstmit den Knien und dann mit der Schläfe hart aufgeschlagen. Danach wurde alles schwarz, ich hab die Kontrolle über meine Blase verloren, kam dann ewig später völlig durchgefroren in der tiefen Rinne zu mir und dachte, ich träume den Sternenhimmel. Dann wurde ich panisch, hab wie verrückt nach Hilfe geschrien, war viel zu weit weg vom Ortsrand, die Straße war wegen dem Winter für den Verkehr zudem gesperrt. Weitere verzweifelte Versuche mit einem fast zusammen gebrochenen Kreislauf und den schweren Gehirnerschütterungen in den Stand zu kommen, schlugen fehl. Meine Beine wurden dabei kitzblau geschlagen durch die Scheißsteine in dem verdammten Acker. Die tiefen Rillen von den übergroßen Traktorreifen machten ein Fortkommen unmöglich. Kurz bevor ich nochmal das Bewusstsein verlor und damit unweigerlich vielleicht auch mein Leben, hat sich so eine Art zweites Ich neben mich gesellt. Das rüttelte meinen nackten Überlebenswillen wach. Ich stand nicht mehr auf, war viel zu schwach. Der Mond schien sehr hell. Mein Glück. So sah ich den Kiesweg in erreichbarer Ferne und hab mich rausgewälzt aus dem Acker. Das ging dank der dicken, warmen Kleidung leidlich gut. Auf dem Kiesweg lag ich erst auf dem Bauch, schweratmend, völlig erschöpft. Hände und Füße spürte ich kaum noch. Dann hab ich nach einigen Minuten meine Arme aufgestellt, hab die Knie angezogen, ließ den Rücken durchhängen und hab etwas gewartet, bis der Schwindel wieder nachließ. Daraufhin ging ich ganz vorsichtig und mit enormer Kraftanstrengung in die Hocke, drohte wieder nach hinten zu kippen, kämpfte dagegen an. Und wieder warten. Schließlich richtete ich mich unendlich mühsam in den Stand auf. Hab gewackelt wie ein loser Kuhschwanz. Es war mir so kalt, so schlecht. Danach hab ich, Susi 1, angefangen mit Susi 2 zu reden, oder sie mit mir. "Komm Herzerle, des schaffst Du. Ned so schnell. Atmen ned vergessen." All sowas. Endlich ein Schritt. Nur einer. Warten auf festen Stand, jetzt der nächste Schritt. Dieser Weg so hell. Ganz langsam ging ich mit Susi 2 neben mir bis zur Ortstraße, die leicht vereist runterführte zu den Häusern. Ich hatte keine Kraft mehr, um zu schreien, aber ich spürte meine Füsse wieder etwas. Ich ging weiter wie ein Roboter, Steine und andere Widerstände gegen das Rutschen suchend und findend. Ich hatte schwere Zalando-Lederstiefel an. Die hab ich immer noch, sie haben mich gerettet. Ich schaffte es bis zum Ortsrand und bis zu unserer Wohnung. Mein Handy hatte ich nicht mit, weils da oben auf der Hochebene in Morsbrunn eh kaum Empfang gibt und ich meine Ruhe wollte. Bin oft nach der Arbeit dort noch gewalkt im Dunkeln, aber nie mit einer Sauwut im Bauch wegen einem depperten Typen. Ich hab beim Walken dauernd mit dem nicht präsenten Trottel Phantasiestreitgespräche geführt, wollte nicht, dass der mich nochmal anruft und noch mehr aufregt. So hab ich mich auch verlaufen in den Waldstücken. Dort wiederholt sich die Landschaft immer wieder. Das irritiert tagsüber ebenso. Ein Megamist, die sogenannten unglücklichen Umstände. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, als ich unsere Haustür endlich aufgezittert hab. Daheim hab ich mich schlotternd noch umgezogen und ins Bett mit etlichen Decken gelegt. Da hab ich gar nix gespürt. Es war 4 Uhr morgens. 14 Grad minus oder mehr war ich entronnen. Als ich mich nach dem Aufwachen vorm Duschen nackt im Spiegel sah, war ich entsetzt. Alles war Blau geschlagen und blutig aufgeschrammt von den spitzen Kalksteinen in den großen, gefrorenen Erdschollen. Bin zu meiner Hausärztin gefahren im Nachbarort. Die Frau Doktor hat es fast aus den Schuhen gekippt. Das riesen Hinterkopf-Hämatom war kurz davor gestanden aufzuplatzen. "Wenn das passiert wär, wären Sie auf dem Acker langsam verblutet." Ich hab ihr von Susi 2 erzählt, die mit mir auf dem langen Weg heim geredet hat.
Warum ich nicht gleich in eine Klink bin? Weil ich mich geschämt hab, weil ich zu halbtot war für stundenlanges Warten auf einem eiskalten Flur und weil ich keine Kraft für endloses Formularausfüllen hatte. Und ich hab mich schuldig gefühlt gegenüber meinen Kindern wegen meinem Leichtsinn. Von dem gefühllosen Idioten hab ich mich am nächsten Tag getrennt via Telefon. Vor diesem Unfall drückte ich mich zwei Jahre lang vor der Schildrüsenkrebs-Nachuntersuchung. Ich wollte meine Angst vergessen. Nach dem Unfall ging ich dann endlich hin. Alles war vollkommen o.k. Wenige Wochen später bin ich mit meinen beiden Kindern auf den Jakobsweg gegangen, hab meinen Schwur erfüllt und war frisch verliebt in meinen Mann Günter.
Ich bin eigentlich kein Risikotyp. Aber vielleicht war ich so in dieser Krebsangstschleife gefangen, dass ich jede andere Art zu sterben unbewusst eingeladen hab zum Zufallstanz. Damit bin ich durch. Ich habe großen Respekt vor Krebs, aber ich kenne viele Menschen, die diese Krankheit besiegt haben. Unser Gehirn kann unser Feind oder unser Freund sein und die faszinierende Magie der Rituale und der Vorstellungskraft ist nicht zu unterschätzen. Beides wird eine vernünftige Behandlung nicht ersetzen können, aber es sind verdammt gute Begleiter. Große Traktoren und von ihnen umgegrabene Äcker machen mich immer noch panisch. Eine Woche nach mir ist ganz in der Nähe meines Showdowns eine Radfahrerin in einen Graben gestürzt auf ihrem Heimweg von der Arbeit. Man hat sie erst viele Stunden später gefunden mit schweren Erfrierungen. Sie hatte nicht so viel Glück wie ich.
Ich konnte heut Nacht nicht schlafen, denn beide Nachrichten trafen mich mitten ins Mark. Ich denke an den armen Jungen, seine Freunde, seine Familie. Was für ein trauriges Schicksal. Meine Freundin und ich haben gestern so geweint. Er war Pfadfinder, hatte alles drauf an Skills in der Wildnis. Aus tiefen Krisen führen keine steilen Leitern, sondern eine zarte Seidenschnur in einem Labyrinth. Wir müssen Entscheidungen treffen in schweren Lebensphasen, müssen unseren ganz eigenen Weg finden aus der Dunkelheit. Ich hab schon sehr jung geliebte Menschen an den Tod verloren. Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. Aber ein Kind geht vom Herzen. Hätte er nur einen Helm getragen, vielleicht hätte er damit überlebt. Hätte ich nur mein Handy mitgenommen. Aber dann hätte ich mich vielleicht darauf blind verlassen. So wusste ich, dass nur ich selbst mir helfen kann und natürlich Gott und Susi 2, mein guter Geist. Ich werde wohl nie wieder bei Nacht walken und ich habe seither das Schicksal nicht mehr bewusst herausgefordert. In dieser kalten Nacht wurde ich erwachsen.
Wo immer Ihr seid, was Ihr auch tragen müsst, vertraut auf Euer zweites Ich, das ganz tief in Euch immer für Euch da ist. Und glaubt mir, es ist von jedem, den Ihr liebt und verloren habt, ein Teil guter Geist zu einem starken Ganzen gebündelt.
Eure Susanne Resnikschek
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